spiegelschrift.net | Hintergrund

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Wer bei Google das Stichwort »Spiegelschrift« eingibt, stößt auf Hilferufe wie:
»Mein Kind schreibt in Spiegelschrift - gibt es jemanden, dem es auch so geht?«
und die folgenden Kommentare:
»Viele Kinder schreiben in Spiegelschrift, das ist einfach eine Entwicklungsstufe.
Ich war auch erst ganz entsetzt, als ich das bei meinem Zwerg festgestellt habe;
aber im Kindergarten habe ich dann gesehen, dass das viele Kinder machen.
Und die Erzieherin hat mir bestätigt, das sei ganz normal. Ein Phänomen dabei ist,
dass die Kinder von rechts nach links schreiben.«
»Unser Sohn ist auch Linkshänder und wir bemerken oft, dass er von rechts nach links schreibt. Wir beobachten ihn oft beim Schreiben. Wenn ich merke, dass er rechts
anfangen will, weise ich ihn ruhig darauf hin. Irgendwann prägt sich das in sein
Gedächtnis ein. Nur keine Sorge.«
»Ich kenne viele Kinder, die zuerst Spiegelschrift schreiben. Meistens gibt sich das von selbst. Allerspätestens in der 2. Klasse.«
Und was ist, wenn diese Kinder recht haben mit ihrer Spiegelschrift und
die wohlmeinenden Pädagogen unrecht?
490 Jahre nach dem Tod Leonardo da Vincis wird eine entscheidende Botschaft, die uns dieses Genie hinterlassen hat, immer noch ignoriert:
Die natürliche Schreibbewegung des Linkshänders erfolgt von rechts nach links.
Für unseren Kulturkreis bedeutet das, Linkshänder würden eigentlich Spiegelschrift schreiben - wenn man sie nur ließe.
Leonardo da Vinci hat keine Schule besucht, sondern sich das Lesen und Schreiben
mehr oder weniger selbst beigebracht.
Also hat niemand seine natürliche Schreibbewegung unterdrückt.
Hinzu kommt, dass Leonardo nur die eigene Erfahrung als einzig sichere Quelle der Erkenntnis anerkannte.1 Und seine Erfahrung als Linkshänder war, dass seine natürliche Schreibbewegung von rechts nach links verlief. Dieser Intuition ist er gefolgt und hat Spiegelschrift geschrieben - das ist das ganze Geheimnis!
In der Schule werden Linkshänder heute allerdings eines »Besseren« belehrt und gewöhnen sich daran, ihre natürliche Schreibbewegung zu unterdrücken.
Es handelt sich aber nicht einfach um eine »Entwicklungsstufe« oder »gibt sich von selbst«, wie es in den oben angeführten Zitaten heißt - es handelt sich um eine massive Unterdrückung der natürlichen Entwicklung eines Linkshänders.
Das muss man ganz klar so sehen. Diese Unterdrückung geschieht zwar aus Unkenntnis;
an den negativen Auswirkungen für die Betroffenen ändert dies allerdings nichts. Linkshänder lassen sich belehren und unterdrücken ihren natürlichen Schreibimpuls.
Und dies so erfolgreich, dass es ihnen gar nicht mehr bewusst ist.
Es geht mir hier keinesfalls darum, Menschen Probleme einzureden, die offenbar keine haben. Aber Linkshänder arrangieren sich sehr geschickt mit Schwierigkeiten, die man ihnen ersparen könnte - würde man ihnen nur die Möglichkeit bieten, sich entsprechend ihrer natürlichen Veranlagung zu entwickeln. Viele Linkshänder ermüden zum Beispiel sehr rasch beim Lesen, nehmen das aber als gegeben hin. Die Erklärung dafür ist, dass die natürliche Augenbewegung des Linkshänders von rechts nach links erfolgt - beim Schreiben ebenso wie beim Lesen. Da seine Augen jedoch beim Lesen und Schreiben der Rechtshänderschrift zu einer Bewegung in entgegengesetzter Richtung gezwungen werden, ermüden sie natürlich schneller.
Der Lehrer Ernst Glaser hielt bereits 1892 einen Vortrag mit dem Titel
»Über Spiegelschrift mit der linken Hand« vor dem Lehrerverein in Gotha.
Er schildert darin sehr interessante Beobachtungen, die ich gern zitieren möchte:
»Wie kommt es nun, dass über diesen Gegenstand (die Spiegelschrift) wohl hier und da in medizinischen Blättern etwas zu lesen war, die pädagogische Presse aber gar keine Notiz davon nahm? Entweder ist die Sache noch zu unbekannt, oder sie schien für die Pädagogik ohne Wert zu sein. Mein Urteil über diesen Gegenstand geht dahin, dass es vielmehr unsere Pflicht ist, die noch lange nicht abgeschlossenen Versuche und Beobachtungen zu vervollständigen und zu sehen, ob doch nicht für pädagogische Zwecke durch die Entdeckung der Spiegelschrift mit der linken Hand ein neues Hilfsmittel zur gerechten Beurteilung der Fähigkeiten der uns anvertrauten Kinder gefunden wurde, und ob wir dadurch nicht in den Stand gesetzt werden, bei einer gewissen Art von Schülern erzieherisch noch etwas mehr zu erreichen als bisher.«
»Als ich den Kindern einen Zettel vorlegte und sie dann ersuchte, doch einmal mit der linken Hand ihren Namen u. a. m. zu schreiben, lachten sie alle und erklärten fast einstimmig:
«Das geht ja gar nicht!» Endlich versuchten sie es doch. Hierbei sei auch bemerkt, dass ich keinem Kinde etwa an der Tafel oder auf dem Zettel vorgeschrieben habe, damit sie nicht das Vorgeschriebene nachmalten. Die meisten schrieben mit der linken Hand richtig von links nach rechts, wenn auch die Buchstaben mitunter kaum zu entziffern waren. Aber in jeder Klasse waren einige, welche gleich anfingen und Spiegelschrift schrieben; und wie Sie aus den Proben ersehen, sind die Formen der Spiegelschrift durchweg korrekter als die vorigen der bei Schrift von links nach rechts. Bei genauer Prüfung der Spiegelschriftschreiber ist es nun auffällig, dass dieses zumeist Kinder sind, die in der Klassenliste die Bezeichnung «wenig begabt», «sehr erregt», «nervös», «streitsüchtig» etc. haben.«
»Machte ich diese Kinder (die Spiegelschriftschreiber) aber darauf aufmerksam und verlangte, dass sie mit der linken Hand doch richtig schreiben sollten, und sie brachten es wirklich fertig, so war diese Schrift gewöhnlich herzlich schlecht.«
Leider kommt Ernst Glaser aufgrund seiner Experimente zu dem Schluss, durch seinen Spiegelschrift-Test ein eindeutiges Hilfsmittel gefunden zu haben, um schwachsinnige Schüler auf einfache Weise identifizieren und entsprechend fördern zu können:
»Wenn ich nun vorhin sagte, dass die Spiegelschriftschreiber hauptsächlich geistig schwächere Kinder sind, also solche, die mit einem wenn auch geringfügigen Defekt im Gehirn belastet sind, wenn ich ferner beobachtet habe, dass unter den Kindern, die an Nervosität, auffälliger Erregtheit usw. leiden oder sehr ängstlich, schüchtern, verlegen sind und bei den geringsten Veranlassungen einen feuerroten Kopf bekommen, viele sich befinden, die linkshändig Spiegelschrift schreiben, so erhellt doch daraus, dass die jeweilige Bereitschaft des Gehirns dabei einen Einfluss ausüben muss. Denn alle eben genannten Zustände, zu denen auch die Schwermut zu rechnen ist, haben doch nur ihr Hervortreten einem besonderen krankhaften Zustande des Gehirns zu verdanken.«
Ernst Glaser wusste offensichtlich nicht, dass Leonardo da Vinci Linkshänder war und seine Aufzeichnungen in Spiegelschrift verfasst hat. Er wäre sonst niemals zu der Schlussfolgerung gelangt, Spiegelschrift sei ein Hinweis auf Geistesschwäche - schließlich gilt Leonardo da Vinci weltweit als Universalgenie. Als Maler, Bildhauer, Architekt, Naturforscher und Erfinder hat er sein Gehirn optimal genutzt. Niemand käme auf die Idee, ihn als geisteskrank zu bezeichnen.
Wie sind die oben genannten »Defekte« dieser Kinder dann zu erklären?
Meiner Ansicht nach dadurch, dass ihre natürliche Schreibbewegung - mit der linken Hand in Spiegelschrift zu schreiben - unterdrückt wurde. Ich bin davon überzeugt, dass dies bei vielen Kindern, die heute als verhaltensauffällig gelten, eine entscheidende Rolle spielt.
Warum folgen wir nicht Leonardos Beispiel und verlassen uns auf unsere eigene Erfahrung?
Falls Sie Rechtshänder sind, schreiben Sie bitte einmal mit Ihrer rechten Hand von rechts nach links, quer über Ihren eigenen Körper hinweg.
Achten Sie bewusst darauf, wie sich das anfühlt.
Genau zu dieser Schreibbewegung werden Linkshänder ihr Leben lang gezwungen (natürlich in umgekehrter Richtung). Es ist, als stecke man den linken Fuß des Kindes in einen Schuh, der für den rechten Fuß bestimmt ist. Und weil alle sagen, dass es so richtig ist, unterdrückt das Kind sein ungutes Gefühl und läuft weiter - so gut es eben kann.
Stolpert es dann notgedrungen und wirkt ungeschickt, lacht man es aus und
verunsichert es noch mehr.
Da man als (unaufgeklärter) Linkshänder davon überzeugt ist, dass »dieser Schuh doch passen muss«, zwängt man sich eben hinein. Und wenn man beim Laufen Probleme hat, sucht man den Fehler bei sich selbst, da man die tatsächlichen Zusammenhänge nicht durchschaut. Der Teufelskreis in Richtung Minderwertigkeitskomplexe und Erfolglosigkeit nimmt seinen Lauf.
Viele Linkshänder werden von wohlmeinenden Eltern und Pädagogen in die falsche Richtung gezwungen und haben dann Probleme damit, ihren Platz im Leben zu finden.
Falls Sie umgeschulter Linkshänder sind - also mit der linken Hand von links nach rechts schreiben -, schreiben Sie bitte einmal mit Ihrer linken Hand von rechts nach links, also vom Körper weg ins Freie. Denken Sie sich einen Satz aus, setzen Sie den Stift aufs Papier und lassen Sie Ihre linke Hand einfach nach links ins Freie laufen. In Schreibschrift, nicht in Druckschrift, damit es eine fließende, ununterbrochene Bewegung ist.
Wie fühlt sich das für Sie an?
Wenn Sie nicht lesen können, was Sie geschrieben haben, halten Sie das Blatt vor den Spiegel: Ein oder zwei Buchstaben sind vielleicht verdreht, Ihr Gehirn wurde ja umtrainiert. Ansonsten wird Ihr Satz jedoch im Spiegel klar in Rechtshänderschrift erscheinen.
Man müsse aber doch eine gemeinsame Schrift haben, meinen Sie?
Natürlich wäre das am einfachsten. Aber so liegen die Dinge nun einmal nicht.
Und schließlich kommen wir ja auch damit zurecht, dass nicht alle Menschen dieselbe Sprache sprechen und erleben das als Bereicherung.
Genauso ist es mit Links- und Rechtshändern - wir können uns gegenseitig mit unseren jeweiligen besonderen Fähigkeiten ergänzen. Linkshändigkeit muss den Makel eines Handicaps verlieren und gleichberechtigt neben Rechtshändigkeit stehen.
Die Tatsache, dass es viele Linkshänder gibt, die mit der »Kompromiss-Methode« - indem sie also mit der linken Hand wie Rechtshänder von links nach rechts schreiben, wie beispielsweise auch Barack Obama - sehr erfolgreich sind, widerlegt meine These übrigens keineswegs. Damit ist lediglich bewiesen, dass Linkshänder auf diesem Weg durchaus viel erreichen können. Wie beschwerlich das für sie trotz der Blockaden ist, bleibt dahingestellt. Diese Frage kann jeder Betroffene nur persönlich beantworten. Was diese scheinbar doch so erfolgreichen Menschen allerdings ohne die »Knoten im Gehirn« erreicht hätten, hat bisher niemand ausprobiert - bis auf Leonardo da Vinci.
Was ist also zu tun?
1. Eltern müssen lernen, rechtzeitig zu erkennen, ob ihr Kind Linkshänder ist und es seiner natürlichen Entwicklung überlassen anstatt es in eine andere Richtung zu drängen. Wenn es sein Spielzeug mit links greift oder mit der linken Hand malen möchte, sollte das kommentarlos hingenommen werden. Es ist vollkommen in Ordnung.
2. Kinderärzte müssen die Eltern entsprechend aufklären und bei den Routineuntersuchungen darauf achten, ob es Hinweise auf Linkshändigkeit gibt.
3. In den Kindergärten und Grundschulen müssen Leonardo-Gruppen eingerichtet und von einer Lehrkraft unterrichtet werden, die Linkshänder oder Linkshänderin ist. Das könnte schon sehr kurzfristig und ohne große Schwierigkeiten geschehen: Die Lehrkräfte der beiden Parallelklassen (Rechtshänderklasse / Leonardo-Gruppe) sprechen ihren Unterricht miteinander ab, die linkshändige Lehrkraft setzt die Inhalte für die Leonardo-Gruppe in Spiegelschrift um.
4. Langfristig muss alles Gedruckte auch in Spiegelschrift erscheinen:
Unterrichtsmaterialien, Bücher, Zeitungen, Formulare, Produktinformationen, Straßenschilder usw. wie es heute bereits in verschiedenen Sprachen erscheint.
Damit Linkshänder nicht nur gemäß ihrer Disposition schreiben, sondern auch lesen können - von rechts nach links.
5. Papier, das per Hand beschrieben wird (Schulhefte, Formulare) muss so beschaffen sein, dass auf der Rückseite das jeweils andere Schriftbild erscheint (also Spiegelschrift als Rechtshänderschrift und umgekehrt) - damit Linkshänder überall problemlos in Spiegelschrift schreiben und unterschreiben können.
Linkshänder müssen die Chance haben, ihr Potenzial vollständig zu entfalten.
Sie dürfen nicht länger mit einem »Knoten im Gehirn« auf ihren Lebensweg geschickt werden. Natürlich gibt es auch dann noch genügend Stolpersteine, die man überwinden, Probleme, die man bewältigen muss. Aber man ist optimal für diese Aufgabe gerüstet.
Dass Linkshänder Spiegelschrift schreiben, sollte ebenso selbstverständlich sein wie
die Tatsache, dass Japaner eine Zeichenschrift haben oder Russen ihre kyrillische Schrift.
© Jutta Deutmarg
